Dienstag, 10. März 2015

Interpretation zu „Rapunzel“




 Ich habe mich dazu entschieden in diesem Blog über das Märchen „Rapunzel“ zu schreiben. Und auch bei diesem Märchen orientiere ich mich wieder an der Version der Brüder Grimm. Das Ende dieser Version wirkt für viele Leser heute noch überraschend, da die Erlösung Rapunzels durch den Prinzen nicht unmittelbar erfolgt, im Gegenteil sogar scheitert. Es ist die Zauberin, die dabei das Mädchen und den jungen Prinzen verflucht. Den Fluchtversuch muss somit Rapunzel mit dem Abschneiden ihrer goldenen Haare und der Verbannung in eine Wüstenei bezahlen. Auch der Königssohn muss für die Verführung Rapunzels büßen. Er fällt aus dem Turm in eine Dornenhecke und verliert sein Sehvermögen.



Es ist annehmbar, dass hier die Zauberin die Rolle einer Schützerin annimmt. Sie scheidet das Kind von aller Welt ab, um sie womöglich vor dessen Grausamkeiten zu bewahren. Umso größer ist jedoch ihr Entsetzen, als sie vom Besuch des Prinzen und die Schwangerschaft des „gottlosen Kindes“ erfährt. Die Bestrafung dient dabei als erzieherische Maßnahme und deutet darauf, dass Rapunzel ihre Haare nicht dem Königssohn hätte hinabfallen lassen und ihm somit ein Willkommen anbieten sollen.
Rapunzels Normbruch deutet auf einen psychologischen Prozess, worin die Zauberin die Instanz des Über-Ichs vertritt. Die Bestrafung durch das Über-Ich für eine Tat, deutet darauf, dass Rapunzel trotz der Entscheidung für die Flucht von Ängsten geplagt ist. Und an dieser Stelle möchte ich Bezug auf Max Lüthi nehmen. Er meint, dass es sich bei dem „Rapunzel“-Märchen um die „Darstellung eines Entwicklungsvorganges handelt“, dessen Übergänge zu einem Neuen von Angst gekennzeichnet werden. Lüthi erwähnt weiterhin, dass jedem Fortschreiten zu einem „höheren Wert“ ein Loslassen, eine Ablösung inne liegt. Das fällt dem Menschen, der zumeist krampfhaft an dem Gewohnten, Bekannten festhält, schwer. Die Schwangerschaft, in der sich das Mädchen plötzlich befindet, deutet nun auf ihre fortschreitende Reifung und somit auf eine neue Entwicklungsphase, die sie antreten muss. Sie fordert demnach eine Ablösung von einer vorherigen Lebenssituation, die sich in der Planung zur Flucht äußert. Rapunzel wird von der Zauberin erlöst, was durch die Bestrafung dargestellt wird, gleichzeitig jedoch auf einen Zwang deutet. Demzufolge ist es nicht Rapunzels eigener Verdienst. Die Zauberin leitet sie in eine Lebensphase, in der sie „in großem Jammer und Elend“ in einer Wüstenei leben muss. Wie bereits erwähnt, deutet die Bestrafung auf das Neue, das nach Lüthi „uns zuerst sein schreckliches Gesicht“ zeigt, später aber vertraut wird, neue Fähigkeiten und Kräfte in uns entwickelt und uns das Leben sinnvoll macht. Nach mehreren Jahren im Elend finden nun Rapunzel mit ihren Zwillingen und der Königssohn wieder einander und seine Blindheit wird durch die Tränen der jungen Frau geheilt. Es ist auffällig, dass in diesem Märchen die Vereinigung der beiden Figuren nicht durch eine Hochzeit gefeiert wird. Das Ausbleiben der Hochzeit kann in Bezug zu dem Ausruf der Zauberin „gottloses Kind“ gesehen werden. Denn im Märchen wird berichtet, dass sich das Mädchen im Alter von zwölf Jahren befindet als sie den Prinzen kennenlernt und schwanger wird. Der Zauberin und demnach den Werten des Über-Ichs zufolge ist das Mädchen in diesem Alter noch nicht für die von ihr erhoffte Flucht und Lebensweise bereit. Erst das Widerfinden nach einigen Jahren kann als Zeichen ihrer eigentlichen Bereitschaft für das Neue, der Gründung einer Familie gedeutet werden.
Das „Rapunzel“-Märchen wirkt meiner Meinung nach belehrend und überträgt den Kindern den Gedanken, dass sie neue Lebensphasen in ihrem Leben nicht mit Furcht begegnen sollten, vor allem nicht, wenn sie merken, dass das Fortschreiten auf sie selbst zukommt,  nicht wenn sie sich selbst dazu übermütig entscheiden. 




Quelle:

Lüthi, Max: „Es war einmal. Vom Wesen des Volksmärchens". Göttingen 2008, S. 85-94.
Brüder Grimm: „Die schönsten Kinder- und Hausmärchen - Kapitel 134“: http://gutenberg.spiegel.de/buch/die-sch-6248/134 (letzter Aufruf: 02.03.2014)



Ein Vergleich zwischen „Aschenputtel“ und „Sneewittchen“



Sie hatte einen wunderbaren Spiegel, wenn sie vor den trat und sich darin beschaute, fragte sie:
            „Spieglein, Spieglein an der Wand,
wer ist die die Schönste im ganzen Land?“
            So antwortete der Spiegel:
                        „Frau Königin, Ihr seid die schönste im Land.“
            Da war sie zufrieden; denn sie wußte, daß der Spiegel die Wahrheit sagte.

Dieser Auszug aus dem Sneewittchen-Märchen ist uns sehr wohl bekannt, doch noch bekannter und womöglich lieber ist uns die spätere Antwort des Spiegels:
                        „Frau Königin, Ihr seid die schönste hier,
aber Sneewittchen ist tausendmal schöner als Ihr.“[1] 



 
Dabei erwarten wir förmlich, dass der Spiegel bei jeder Befragung stets auf diese Weise der Königin antwortet. Diese Erwartung ist begründet auf einer Bevorzugung Sneewittchens, die womöglich auf der Wahrnehmung ihrer Schönheit aus den Beschreibungen beruht. So stimmen wir dem Spiegel zu und nehmen sogar die vor Neid gelb und grün werdende und vorher als „schöne Frau“ beschriebene Königin als hässlich wahr. Der Spiegel erfüllt demnach die Funktion der Gegenüberstellung von Gut und Böse, sowie der Zuordnung der Stiefmutter zum Bösen und Sneewittchen zum Guten.
Auffällig ist dabei, dass der Spiegel seine Antwort erst verändert, nachdem Sneewittchen herangewachsen und viel schöner geworden ist. Sie ist sieben Jahre alt, als die Königin den Jäger beauftragt sie umzubringen. Und auch Aschenputtel ist ungefähr in demselben Alter, als sie von ihrer Stiefmutter zum Dienst im Haus gezwungen wird. Aschenputtel und Sneewittchen sind demnach Verstoßene, die von ihren Stiefmüttern gedemütigt und zu Randfiguren gedrängt werden. Doch wir empfinden Mitleid mit den jungen Mädchen und heben sie stattdessen zu unseren Heldinnen hervor.  

 

















Hieraus möchte ich die Entwicklungen der Handlungen innerhalb der Märchen bezüglich der geistigen und seelischen Entwicklung der beiden Heldinnen analysieren. Ich habe zu Beginn dieses Eintrags mein Augenmerk auf das „Sneewittchen“-Märchen gesetzt und möchte auch im weiteren Verlauf davon ausgehend meine Analyse vorführen. Hierzu möchte ich mich auf die Vogel-Symbolik stützen, die im folgenden Satz erkennbar wird:

             Dann setzten sie den Sarg hinaus auf den Berg, und einer von ihnen blieb immer
            dabei und bewachte ihn. Und die Tiere kamen auch und beweinten Sneewittchen,
            erst eine Eule, dann ein Rabe, zuletzt ein Täubchen. 

Die drei Vögel Eule, Rabe und Taube stehen jeweils symbolisch für drei unterschiedliche Entwicklungsphasen der Mädchen. Der Vogel als Symbol steht im Allgemeinen für einen seelisch-geistigen Inhalt der Lebenssphäre des Menschen. Demnach möchte auch ich die Lebensphasen der Mädchen nach diesen Kriterien gliedern. Nennenswert ist hierbei, dass es sich um eine steigende seelische Entwicklung handelt.

Die erste Entwicklungsphase stellt die Eule dar. Sie wirkt kennzeichnend sowohl für das Gute als auch für das Böse. Sie wird als beschützend oder als weiße charakterisiert. Doch gleichsam steht sie symbolisch für die menschliche Urangst und gilt als Unglücksbote, da es in der dämonischen Atmosphäre der Nacht aktiv ist. Sie schreit, fliegt aber geräuschlos. Besonders interessant für die Analyse ist die Interpretation der Eule als Mittlerin zwischen irdischen und überirdischen Welten. So wird sie als Symbol der Seelenwanderung angesehen. Innerhalb des „Sneewittchen“-Märchens deutet das auf den Übergang des Mädchens vom wachen zum schlafenden Zustand. Das Koma, in dem sich Sneewittchen befindet wird hierbei als Bestrafung angesehen, dessen Ursache in ihrem freiwilligen Davonlaufen vom Jäger erkannt werden kann. Dabei wird diese eigenständige Handlung und Entscheidung des Mädchens als Anzeichen ihrer sexuellen Heranreifung angesehen und moralisch noch nicht toleriert. Auch Aschenputtel weist dieses eigenständige Handeln auf, wenn sie ihrer Stiefmutter und dem Dienst am Herd nicht entgegenwirkt. Bemerkenswert ist die Tatsache, dass diese Entscheidungen der Mädchen zur Selbstbestrafung dienen. Demnach also eine Bestrafung für eine sündenhafte Tat zum Ausdruck bringen, die sie in ihrem Unterbewussten als gerechtfertigt ansehen. Es ist offensichtlich, dass die Mädchen wie die Eule sowohl das Gute als auch das Böse in sich vereinen. Weiterhin kann davon ausgegangen werden, dass die Stiefmütter jeweils als Projektion zur Selbstbestrafung dienen und tiefenpsychologisch die negative Seite ihrer Seele spiegeln. 


Eine weitere wichtige Interpretation des Eulen-Symbols besagt, dass Eulen Botschaften aus dem Unterbewusstsein oder von Verstorbenen überbringen. So kann man behaupten, dass die Selbstbestrafung der beiden Mädchen, die ihre leiblichen Mütter verloren haben, aufgrund des Grundvertrauens, den sie zu ihren Müttern pflegen und mit den vermittelten inneren Werten vollziehen. Dieser Umstand wird vor allem in dem „Aschenputtel“-Märchen augenscheinlich, wenn Aschenputtel den Haselzweig auf das Grab der Mutter anpflanzt.
Der als zweites aufgeführte Vogel, der Rabe, deutet in erster Linie auf Depression und Tod, was auf die gegenwärtige, retardierende Situation der Mädchen deutet. Sneewittchen wird für tot gehalten und in einem Sarg aufbewahrt und Aschenputtel, sich stets in schwarzer Asche befindend, darf trotz der erfüllten harten Arbeit  und dem Versprechen der Stiefmutter nicht zum Fest ins Schloss gehen. Während Sneewittchen sich jedoch im Koma befindet und demnach bis zu ihrer Erlösung als passive Heldin wirkt, ist Aschenputtel aktiv. Doch es ist bemerkenswert, dass gerade die Aktivität den retardierenden Moment im Märchen kennzeichnet. So stellen ihr unerlaubter Besuch des Fests und das wiederholende Davonlaufen vom Prinzen die Hin- und Hergerissenheit des Mädchens innerhalb von Schuld und Unschuld, sowie Dürfen und Wollen dar. Aschenputtel und Sneewittchen befinden sich nämlich innerhalb dieser seelischen Phase in einem Konflikt zwischen dem Guten und dem Bösen. Jedoch deutet der auf die Eule folgende Besuch des Raben auf die Auflösung dieses Zwiespaltes. Folgend kann eine weitere symbolische Deutung des Raben genannt werden. Er steht gleichfalls für die Wiedergeburt, Wiederbelebung, Erneuerung, Neuerschaffung oder Heilung der Seele. Demzufolge kann darauf hingedeutet werden, dass die Mädchen einer Veränderung in ihrem seelischen Zustand unterliegen. Sie reifen zu Jungfrauen mit autonomen Persönlichkeiten heran.
Mit dem Besuch der Taube wird der Übergang zu der letzten Entwicklungsphase der Mädchen aufmerksam gemacht. Sie deutet auf die Überwindung des seelischen Konflikts zwischen Schuld und Unschuld. So ist schließlich Aschenputtel diejenige, die sich dem Prinzen in ihren Lumpen zu erkennen gibt und mit dem selbstständigen Anziehen des Pantoffels diesen Umstand markiert. Ein weiteres sichtbares Merkmal hierzu ist die Zerstörung der magischen Gegenstände (Taubennest, Birnenbaum) durch den Vater. Aschenputtel ist auch ohne Magie in der Lage sich in der Welt der Realität zurechtzufinden. Aber auch die Annahme der Einladung des Prinzen mit ihm aufs Schloss zu gehen durch Sneewittchen deutet darauf, dass sie keine Furcht vor der intriganten Stiefmutter empfindet. Die Taube erscheint hier also als Parallele zur friedfertigen Seite der menschlichen Natur und deutet auf die Erreichung der geistigen Vervollkommnung der Heldinnen, die vor allem durch die Einheit mit dem Prinzen verdeutlicht wird. So spiegelt sich hierin ein weiteres Symbol der Taube. Sie verkörpert die partnerbezogenen Liebesgefühle der Mädchen, was schließlich auf ihr fünfzehntes Lebensjahr und ihre sexuelle Reife deutet. 

An dieser Stelle möchte ich auf ein letztes Merkmal des Tauben-Symbols aufmerksam machen. Die Taube kann als Geist Gottes angesehen werden, das die Versöhnung zwischen Gott und Mensch veranlasst. Und hierzu trägt natürlich das Finale der Märchen, nämlich die Hochzeit, eine wichtige Rolle. Sie führt vor Augen, dass die Seele Aschenputtels und Schneewittchens nun erlöst und vollkommen ist. Sie finden ihre geistige Erlösung.

Quelle:
Schumann, Willy: „Grimms Märchen. Grimm’s Fairy Tales“. Frankfurt am Main 1997.
http://www.eulenwelt.de/mythologie.htm (letzter Aufruf 24.02.2015)
http://www.symbolonline.de/index.php?title=Rabe (letzter Aufruf 24.02.2015)
http://www.symbolonline.de/index.php?title=Taube (letzter Aufruf 24.02.2015)


[1] Schumann, Willy: „Grimms Märchen. Grimm’s Fairy Tales“. Frankfurt am Main 1997, S. 18.

Donnerstag, 26. Februar 2015

Eine Interpretation des Märchens „Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich“




Oftmals ist dieses Märchen bloß unter dem Titel „Der Froschkönig“ vorzufinden. Der Zusatz „oder der eiserne Heinrich“ kommt in den meisten Wiedergaben weder im Titel noch im Inhalt vor. In dem Märchen nach den Brüdern Grimm deutet das Aufkommen des eisernen Heinrichs auf eine gedankliche Trennung des Märchens und auf dessen Wichtigkeit. Im ersten Abschnitt des Märchens wird demnach die Geschichte des „Froschkönigs“ erzählt. Die wichtigsten Figuren in diesem Abschnitt sind neben dem Frosch, die Königstochter und der König. Im zweiten Abschnitt dahingegen ist es allein der „eiserne Heinrich“, der als der treue Diener des Königsohns in den Vordergrund gerückt wird.
Es ist bemerkenswert, dass der im Titel als „eisern“ beschriebene Heinrich in der Erzählung stets mit dem Adjektiv „treu“ gekennzeichnet wird: „der Diener des jungen Königs, das war der treue Heinrich.“


Es ist augenscheinlich, dass die Beziehung zwischen dem Königssohn und dem Diener auf dem System des Lehnswesens beruht, demnach eine rechtliche Grundlage vorzeigt, in der sich der Lehnsherr und der Vasall die gegenseitige Treue versprechen. Nennenswert ist hierbei jedoch, dass diese Treue besonders in Zusammenhang mit dem Diener betont wird. Diese Kennzeichnung kann zwei Bedeutungen mit sich führen. Zum einen kann damit auf die zwingende und erwartete Gefolgschaft des Dieners von Seiten seines Königs und zum anderen auf die selbstverständliche Loyalität des Dieners gedeutet werden. Bei dem „eisernen Heinrich“ in dem grimmschen Märchen kann von Letzterem ausgegangen werden, da er sich aus „Weh und Traurigkeit“ über die Verfluchung des jungen Königs eiserne Bände um sein Herz legen ließ. Und schließlich brechen diese ihm mit der Erlösung seines Herrn. 


Es ist nennenswert, dass in dem letzten Abschnitt des Märchens die Königstochter nicht explizit erwähnt wird. Es wird stattdessen ein Gespräch zwischen dem Königssohn und dem Heinrich geschildert, womit allein die Wichtigkeit dieser beiden Figuren und ihre Beziehung zueinander vorgetragen wird. Sie stehen in dieser Konstellation für das bereits erwähnte Lehnswesen. Während der junge König stellvertretend für jeden Herrn in diesem System steht, kann der „eiserne Heinrich“ nicht bloß auf die Allgemeinheit der Vasallen Bezug nehmen. „Heinrich“ wird nach grimmscher Auffassung nicht nur als ein „Bursche“ angesehen, sondern fasst den Begriff des „Menschen“ in sich. Demzufolge steht der „eiserne Heinrich“ bildlich gesehen für den „treuen Menschen“, der seinem König stets Anhang leistet. Hiermit tritt das System der Gefolgschaft aus der rechtlichen Grundlage heraus und geht in die Ansprache des Pflichtgefühls jedes Menschen über. Die hierin bezeichnete Pflicht beruht auf Treue. Demnach wandelt sich die Definition der Treue im Sinne einer Haltung zu einem festen Bund hin zu einer ethisch bestimmten Haltung des Menschen. Meiner Deutungshypothese zufolge stellt der „eiserne Heinrich“ das Idealbild des Menschen im Königreich dar, das trotz übler oder mangelhafter Verhaltensweisen den Glauben und die Traue zu seinem König nicht verlieren sollte. Dieses Grundvertrauen wird im Märchen schließlich damit belohnt, dass der junge König von seinem Fluch befreit und ein anständiger König wird. „Eisern“ steht für „hart, fest oder unerbittlich“ und soll sich auf die Phase des Geduldig-Seins beziehen.
Diese Phase löst sich auf, wenn die Bänder um das Herz des Heinrichs abbrechen.

Quelle:
Schumann, Willy: „Grimms Märchen. Grimm’s Fairy Tales“. Frankfurt am Main 1997.
http://woerterbuchnetz.de/DWB/ (letzter Aufruf: 26.02.2015)

Mittwoch, 18. Februar 2015

Eine Interpretation des Märchens „Dornröschen“




 Ich habe mir zunächst die Frage zur Definition des „Märchen“-Begriffs gestellt und in der Onlineversion des Deutschen Wörterbuchs von Jacob und Wilhelm Grimm folgende Erläuterungen erhalten:
·   mährchen, in allgemeinster bedeutung, eine kunde, nachricht, die der genauen beglaubigung entbehrt, ein bloszes weiter getragenes gerücht
·         mährchen, in schärferem sinne, für etwas bewust gelogenes, erfundenes
·     mährchen, ferner für ein bloszes phantasiegebild, eine einbildung dessen was sein oder geschehen könnte

Ich zähle diese Erläuterungen hier auf, da sie wichtige Anhaltspunkte zu meiner Interpretation liefern und demnach eine wichtige Rolle im weiteren Verlauf erhalten. Dem Wörterbuch zufolge ist ein Märchen eine Erzählung, dessen Inhalt zumeist bewusst erfunden oder eine Projektion der Einbildung ist. Demnach ist es kaum bzw. gar nicht möglich Ursachen oder deutliche Erklärungen für ablaufende Handlungen zu erhalten. Handlungen im Märchen folgen fortschreitend und strikt aufeinander ab, wodurch dem Leser Unbegründetes nicht sofort auffällt. Dadurch wird es nicht hinterfragt. Hierzu spielt zudem das Wissen darüber, dass das Märchen eine Erfindung ist, eine wichtige Rolle. Doch das Märchen trägt eine Bedeutung, eine Botschaft, dessen Erkennung meist schwierig ist.
Meiner Meinung nach trägt auch das „Dornröschen“-Märchen eine Botschaft. Auf mich wirkt diese Botschaft  wie ein Appell an die Gesellschaft. Angesprochen werden dabei vor allem Eltern und pubertierende Jugendliche. Zudem wird Kritik an die Eltern und ihre Erziehungsweise Pubertierender geäußert. 


In meinem Kurs „Deutsche Märchen von Grimm bis Rammstein“ benutzen wir zur Analyse und Interpretation der grimmschen Märchen das Buch „Es war einmal. Vom Wesen des Volksmärchen“ von Max Lüthi. Demnach werde ich auch stets Bezug auf seine Interpretationsansätze nehmen. Max Lüthi erläutert seine Interpretation dabei auf zwei Ebenen. Im engeren Sinne bezieht er sich auf den Reifungsprozess der jungen Dornröschen, das sich im hundertjährigen Schlaf entfaltet. Der Stich an der Spindel markiert den Zeitpunkt des Eintritts des Fluches und für Lüthi den Übergang des Kindes zur jungen Frau. Die andere Ebene kann unter dem Begriff „Welthaltigkeit“ zusammengefasst werden. Hierbei bezieht sich Lüthi auf den Schlaf und das Erwachen als Zeichen für Tod und Auferstehung, die den Menschen und seine Seele unmittelbar betreffen. Ich möchte mich jedoch in meiner Interpretation auf den zuerst genannten Ansatz beziehen und Lüthi hierzu zustimmen. Auch ich bin der Ansicht, dass Dornröschens hundertjähriger Schlaf in ihrem fünfzehnten Lebensjahr den Prozess des Reif-Werdens betont. Dabei wird dieser Prozess von zwei bedeutsamen Zeitpunkten eingerahmt. Es handelt sich zum einen um den Stich an der Spindel und zum anderen um den Moment des Erwachsens Dornröschens durch den Kuss. Es ist bemerkenswert, dass diese kurzen Augenblicke einen erheblichen Effekt auslösen. So vollzieht sich zunächst ein Schlaf, der einen ganzen Zeitabschnitt in Dornröschens Leben einnimmt – den Abschnitt, indem sie heranreift. Es wird dadurch deutlich, dass die weisen Frauen wohl wissend in das Reifen der jungen Königstochter einwirken. Die weisen Frauen stehen symbolisch für reife, gereifte, lebenserfahrene Frauen. Ihnen ist der Prozess der Reifung zur jungen Frau bekannt. Der Wunsch der dreizehnten weisen Frau des Todes der Königstochter an ihrem fünfzehnten Geburtstag gilt dabei nur zur Bestrafung des Königs und der Königin, da diese sie nicht zur Feierlichkeit einluden. Der Tod im fünfzehnten Lebensjahr würde für die Eltern den Verlust des Kindes bedeuten, dessen Heranreifung sie nicht erleben würden. Weiterhin würde dem König ein Nachfahre fehlen. Es handelt sich bei dem Wunsch demnach bloß um einen Racheakt, der sich nicht auf das Kind selbst, jedoch indirekt auf dessen Heranreifung bezieht. Auch die zwölfte weise Frau wirkt darauf ein, indem sie durch den Schlaf die Reifung auf einen langen Zeitraum ausdehnt und das Ausreifen mit dem Erwachen kennzeichnet. Demzufolge ist das Reif-Werden Dornröschens der willkürlichen Bestimmung der weisen Frauen unterlegen. Meiner Meinung nach stehen die weisen Frauen für Feen, da sie überirdische Kräfte aufweisen. Feen können daneben als Schicksalsgöttinnen identifiziert werden, die bei der Geburt eines Menschen dessen Schicksal voraussagen. Demnach ist es möglich die weisen Frauen zu einer Oberwelt zuzuordnen. Zu dieser Oberwelt gehört aber auch der fabelhafte Frosch. Es ist bemerkenswert, dass auch dieser einen Reifungsprozess bewirkt. So sagt er voraus, dass die Königin in einem Jahr ein Kind gebären wird. Die Figuren innerhalb dieser Oberwelt beeinflussen demnach stets natürliche Prozesse, die eine weibliche Person vollzieht. Ich würde sogar behaupten, dass sie im Märchen die Quelle der Natürlichkeit einer Frau darstellen. Ein Beispiel hierzu ist das Versprechen des Frosches: „ehe ein Jahr vergeht, wirst du eine Tochter zur Welt bringen“. Es ist auffällig, dass die Königin sich vorher nicht explizit eine Tochter, sondern nur „ein Kind“ wünschte. Der Mensch selbst kann also keinen Einfluss auf die natürliche Entwicklung der Frau nehmen. So kann der König den Stich an der Spindel trotz der Verbannung jeglicher Spindel im Reich nicht verhindern. Ein weiteres Indiz stellt hierzu das Schlafen jeder einzelnen Person, jedes Tieres und der Elemente im Schloss dar. Nichts und niemand anderes kann sich demnach in das Reifen der Dornröschen einmischen. Die Dornenwand, die sich während dem hundertjährigen Schlaf als einzig lebendiges, waches auftut, stellt eine Parallele zu Dornröschens Situation dar. Nach dem Wörterbuch der Brüder Grimm kann die „Pflanze“ wie folgt definiert werden:

·    im allgemeinen jeder dem pflanzenreiche angehörende, durch anziehung von nahrung,
   wachsthum und fortpflanzung lebenskraft äuszernde naturkörper

·   vergleichend und bildlich mit bezug auf das leben, wachsen, setzen, versetzen,
   fortpflanzen, blühen




Dornröschen ist wie die Dornenhecke ein „Naturkörper“, das den natürlichen Entwicklungen „leben, wachsen (…) fortpflanzen, blühen“ unterworfen ist. Nun bedeutet der erfolgslose Versuch einiger Königssöhne in das Schloss einzutreten, dass eben die Heranreifung innerhalb dieser hundert Jahre noch nicht vollendet ist. Die Heranreifung unterliegt Stadien. Erst wenn „gerade die hundert Jahre verflossen“ sind, ist der Zeitpunkt der Ausreifung Dornröschens vollendet. Die Dornenhecke öffnet sich und ihr blühen Rosen. Dornröschen wird vom Prinzen geküsst, sie erwacht und heiratet ihn. Lüthi schreibt von einer Zurückgezogenheit der Königstochter und dessen Schutz zur Heranreifung, die sich im Schutze der Dornenhecke entwickelt. Ich stimme ihm auch hier zu. 


Die Botschaft, die ich nun in diesem Märchen erkenne lautet: Die Pubertät ist ein natürlicher Prozess die jeder Mensch durchlebt. Es ist ein Reifungsprozess, indem das Geschlecht erwacht und ein neues, verändertes Leben nach dem Kind-Sein folgt. Kritik gilt dabei den Eltern, die ihre Kinder nicht aufklären, Fragen nach dem Natürlichen nicht beantworten oder gar ignorieren. Des Weiteren spricht das Märchen auch Jugendliche an, die während ihrer Pubertät sich zurückhaltend verhalten und auf den „richtigen Zeitpunkt“ warten sollen. Dabei kann auf eine durch die Gesellschaft geforderte „Sittlichkeit“ gedeutet werden, an das sich die Jugendlichen zu halten haben. 

An dieser Stelle möchte ich auf die Kinder-Tragödie „Frühlings Erwachen“ von Frank Wedekind aufmerksam machen, da das zentrale Thema dieses Dramas die Heranreifung Jugendlicher,  ihren Umgang und ihre Probleme damit schildert.
Ein Zitat besagt: „ihre Tragödie: ihre kindlich-unschuldige natürliche Menschlichkeit wird von den gesellschaftlichen Normen mißachtet, deformiert, zerstört.“ (Hahn, Manfred: Frank Wedekind. Dramen 1. Berlin und Weimar 1969, S. 11.)

Quelle:
Lüthi, Max: „Es war einmal. Vom Wesen des Volksmärchens". Göttingen 2008.
Schumann, Willy: „Grimms Märchen. Grimm’s Fairy Tales“. Frankfurt am Main 1997.