Mittwoch, 18. Februar 2015

Eine Interpretation des Märchens „Dornröschen“




 Ich habe mir zunächst die Frage zur Definition des „Märchen“-Begriffs gestellt und in der Onlineversion des Deutschen Wörterbuchs von Jacob und Wilhelm Grimm folgende Erläuterungen erhalten:
·   mährchen, in allgemeinster bedeutung, eine kunde, nachricht, die der genauen beglaubigung entbehrt, ein bloszes weiter getragenes gerücht
·         mährchen, in schärferem sinne, für etwas bewust gelogenes, erfundenes
·     mährchen, ferner für ein bloszes phantasiegebild, eine einbildung dessen was sein oder geschehen könnte

Ich zähle diese Erläuterungen hier auf, da sie wichtige Anhaltspunkte zu meiner Interpretation liefern und demnach eine wichtige Rolle im weiteren Verlauf erhalten. Dem Wörterbuch zufolge ist ein Märchen eine Erzählung, dessen Inhalt zumeist bewusst erfunden oder eine Projektion der Einbildung ist. Demnach ist es kaum bzw. gar nicht möglich Ursachen oder deutliche Erklärungen für ablaufende Handlungen zu erhalten. Handlungen im Märchen folgen fortschreitend und strikt aufeinander ab, wodurch dem Leser Unbegründetes nicht sofort auffällt. Dadurch wird es nicht hinterfragt. Hierzu spielt zudem das Wissen darüber, dass das Märchen eine Erfindung ist, eine wichtige Rolle. Doch das Märchen trägt eine Bedeutung, eine Botschaft, dessen Erkennung meist schwierig ist.
Meiner Meinung nach trägt auch das „Dornröschen“-Märchen eine Botschaft. Auf mich wirkt diese Botschaft  wie ein Appell an die Gesellschaft. Angesprochen werden dabei vor allem Eltern und pubertierende Jugendliche. Zudem wird Kritik an die Eltern und ihre Erziehungsweise Pubertierender geäußert. 


In meinem Kurs „Deutsche Märchen von Grimm bis Rammstein“ benutzen wir zur Analyse und Interpretation der grimmschen Märchen das Buch „Es war einmal. Vom Wesen des Volksmärchen“ von Max Lüthi. Demnach werde ich auch stets Bezug auf seine Interpretationsansätze nehmen. Max Lüthi erläutert seine Interpretation dabei auf zwei Ebenen. Im engeren Sinne bezieht er sich auf den Reifungsprozess der jungen Dornröschen, das sich im hundertjährigen Schlaf entfaltet. Der Stich an der Spindel markiert den Zeitpunkt des Eintritts des Fluches und für Lüthi den Übergang des Kindes zur jungen Frau. Die andere Ebene kann unter dem Begriff „Welthaltigkeit“ zusammengefasst werden. Hierbei bezieht sich Lüthi auf den Schlaf und das Erwachen als Zeichen für Tod und Auferstehung, die den Menschen und seine Seele unmittelbar betreffen. Ich möchte mich jedoch in meiner Interpretation auf den zuerst genannten Ansatz beziehen und Lüthi hierzu zustimmen. Auch ich bin der Ansicht, dass Dornröschens hundertjähriger Schlaf in ihrem fünfzehnten Lebensjahr den Prozess des Reif-Werdens betont. Dabei wird dieser Prozess von zwei bedeutsamen Zeitpunkten eingerahmt. Es handelt sich zum einen um den Stich an der Spindel und zum anderen um den Moment des Erwachsens Dornröschens durch den Kuss. Es ist bemerkenswert, dass diese kurzen Augenblicke einen erheblichen Effekt auslösen. So vollzieht sich zunächst ein Schlaf, der einen ganzen Zeitabschnitt in Dornröschens Leben einnimmt – den Abschnitt, indem sie heranreift. Es wird dadurch deutlich, dass die weisen Frauen wohl wissend in das Reifen der jungen Königstochter einwirken. Die weisen Frauen stehen symbolisch für reife, gereifte, lebenserfahrene Frauen. Ihnen ist der Prozess der Reifung zur jungen Frau bekannt. Der Wunsch der dreizehnten weisen Frau des Todes der Königstochter an ihrem fünfzehnten Geburtstag gilt dabei nur zur Bestrafung des Königs und der Königin, da diese sie nicht zur Feierlichkeit einluden. Der Tod im fünfzehnten Lebensjahr würde für die Eltern den Verlust des Kindes bedeuten, dessen Heranreifung sie nicht erleben würden. Weiterhin würde dem König ein Nachfahre fehlen. Es handelt sich bei dem Wunsch demnach bloß um einen Racheakt, der sich nicht auf das Kind selbst, jedoch indirekt auf dessen Heranreifung bezieht. Auch die zwölfte weise Frau wirkt darauf ein, indem sie durch den Schlaf die Reifung auf einen langen Zeitraum ausdehnt und das Ausreifen mit dem Erwachen kennzeichnet. Demzufolge ist das Reif-Werden Dornröschens der willkürlichen Bestimmung der weisen Frauen unterlegen. Meiner Meinung nach stehen die weisen Frauen für Feen, da sie überirdische Kräfte aufweisen. Feen können daneben als Schicksalsgöttinnen identifiziert werden, die bei der Geburt eines Menschen dessen Schicksal voraussagen. Demnach ist es möglich die weisen Frauen zu einer Oberwelt zuzuordnen. Zu dieser Oberwelt gehört aber auch der fabelhafte Frosch. Es ist bemerkenswert, dass auch dieser einen Reifungsprozess bewirkt. So sagt er voraus, dass die Königin in einem Jahr ein Kind gebären wird. Die Figuren innerhalb dieser Oberwelt beeinflussen demnach stets natürliche Prozesse, die eine weibliche Person vollzieht. Ich würde sogar behaupten, dass sie im Märchen die Quelle der Natürlichkeit einer Frau darstellen. Ein Beispiel hierzu ist das Versprechen des Frosches: „ehe ein Jahr vergeht, wirst du eine Tochter zur Welt bringen“. Es ist auffällig, dass die Königin sich vorher nicht explizit eine Tochter, sondern nur „ein Kind“ wünschte. Der Mensch selbst kann also keinen Einfluss auf die natürliche Entwicklung der Frau nehmen. So kann der König den Stich an der Spindel trotz der Verbannung jeglicher Spindel im Reich nicht verhindern. Ein weiteres Indiz stellt hierzu das Schlafen jeder einzelnen Person, jedes Tieres und der Elemente im Schloss dar. Nichts und niemand anderes kann sich demnach in das Reifen der Dornröschen einmischen. Die Dornenwand, die sich während dem hundertjährigen Schlaf als einzig lebendiges, waches auftut, stellt eine Parallele zu Dornröschens Situation dar. Nach dem Wörterbuch der Brüder Grimm kann die „Pflanze“ wie folgt definiert werden:

·    im allgemeinen jeder dem pflanzenreiche angehörende, durch anziehung von nahrung,
   wachsthum und fortpflanzung lebenskraft äuszernde naturkörper

·   vergleichend und bildlich mit bezug auf das leben, wachsen, setzen, versetzen,
   fortpflanzen, blühen




Dornröschen ist wie die Dornenhecke ein „Naturkörper“, das den natürlichen Entwicklungen „leben, wachsen (…) fortpflanzen, blühen“ unterworfen ist. Nun bedeutet der erfolgslose Versuch einiger Königssöhne in das Schloss einzutreten, dass eben die Heranreifung innerhalb dieser hundert Jahre noch nicht vollendet ist. Die Heranreifung unterliegt Stadien. Erst wenn „gerade die hundert Jahre verflossen“ sind, ist der Zeitpunkt der Ausreifung Dornröschens vollendet. Die Dornenhecke öffnet sich und ihr blühen Rosen. Dornröschen wird vom Prinzen geküsst, sie erwacht und heiratet ihn. Lüthi schreibt von einer Zurückgezogenheit der Königstochter und dessen Schutz zur Heranreifung, die sich im Schutze der Dornenhecke entwickelt. Ich stimme ihm auch hier zu. 


Die Botschaft, die ich nun in diesem Märchen erkenne lautet: Die Pubertät ist ein natürlicher Prozess die jeder Mensch durchlebt. Es ist ein Reifungsprozess, indem das Geschlecht erwacht und ein neues, verändertes Leben nach dem Kind-Sein folgt. Kritik gilt dabei den Eltern, die ihre Kinder nicht aufklären, Fragen nach dem Natürlichen nicht beantworten oder gar ignorieren. Des Weiteren spricht das Märchen auch Jugendliche an, die während ihrer Pubertät sich zurückhaltend verhalten und auf den „richtigen Zeitpunkt“ warten sollen. Dabei kann auf eine durch die Gesellschaft geforderte „Sittlichkeit“ gedeutet werden, an das sich die Jugendlichen zu halten haben. 

An dieser Stelle möchte ich auf die Kinder-Tragödie „Frühlings Erwachen“ von Frank Wedekind aufmerksam machen, da das zentrale Thema dieses Dramas die Heranreifung Jugendlicher,  ihren Umgang und ihre Probleme damit schildert.
Ein Zitat besagt: „ihre Tragödie: ihre kindlich-unschuldige natürliche Menschlichkeit wird von den gesellschaftlichen Normen mißachtet, deformiert, zerstört.“ (Hahn, Manfred: Frank Wedekind. Dramen 1. Berlin und Weimar 1969, S. 11.)

Quelle:
Lüthi, Max: „Es war einmal. Vom Wesen des Volksmärchens". Göttingen 2008.
Schumann, Willy: „Grimms Märchen. Grimm’s Fairy Tales“. Frankfurt am Main 1997.

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