Dienstag, 10. März 2015

Ein Vergleich zwischen „Aschenputtel“ und „Sneewittchen“



Sie hatte einen wunderbaren Spiegel, wenn sie vor den trat und sich darin beschaute, fragte sie:
            „Spieglein, Spieglein an der Wand,
wer ist die die Schönste im ganzen Land?“
            So antwortete der Spiegel:
                        „Frau Königin, Ihr seid die schönste im Land.“
            Da war sie zufrieden; denn sie wußte, daß der Spiegel die Wahrheit sagte.

Dieser Auszug aus dem Sneewittchen-Märchen ist uns sehr wohl bekannt, doch noch bekannter und womöglich lieber ist uns die spätere Antwort des Spiegels:
                        „Frau Königin, Ihr seid die schönste hier,
aber Sneewittchen ist tausendmal schöner als Ihr.“[1] 



 
Dabei erwarten wir förmlich, dass der Spiegel bei jeder Befragung stets auf diese Weise der Königin antwortet. Diese Erwartung ist begründet auf einer Bevorzugung Sneewittchens, die womöglich auf der Wahrnehmung ihrer Schönheit aus den Beschreibungen beruht. So stimmen wir dem Spiegel zu und nehmen sogar die vor Neid gelb und grün werdende und vorher als „schöne Frau“ beschriebene Königin als hässlich wahr. Der Spiegel erfüllt demnach die Funktion der Gegenüberstellung von Gut und Böse, sowie der Zuordnung der Stiefmutter zum Bösen und Sneewittchen zum Guten.
Auffällig ist dabei, dass der Spiegel seine Antwort erst verändert, nachdem Sneewittchen herangewachsen und viel schöner geworden ist. Sie ist sieben Jahre alt, als die Königin den Jäger beauftragt sie umzubringen. Und auch Aschenputtel ist ungefähr in demselben Alter, als sie von ihrer Stiefmutter zum Dienst im Haus gezwungen wird. Aschenputtel und Sneewittchen sind demnach Verstoßene, die von ihren Stiefmüttern gedemütigt und zu Randfiguren gedrängt werden. Doch wir empfinden Mitleid mit den jungen Mädchen und heben sie stattdessen zu unseren Heldinnen hervor.  

 

















Hieraus möchte ich die Entwicklungen der Handlungen innerhalb der Märchen bezüglich der geistigen und seelischen Entwicklung der beiden Heldinnen analysieren. Ich habe zu Beginn dieses Eintrags mein Augenmerk auf das „Sneewittchen“-Märchen gesetzt und möchte auch im weiteren Verlauf davon ausgehend meine Analyse vorführen. Hierzu möchte ich mich auf die Vogel-Symbolik stützen, die im folgenden Satz erkennbar wird:

             Dann setzten sie den Sarg hinaus auf den Berg, und einer von ihnen blieb immer
            dabei und bewachte ihn. Und die Tiere kamen auch und beweinten Sneewittchen,
            erst eine Eule, dann ein Rabe, zuletzt ein Täubchen. 

Die drei Vögel Eule, Rabe und Taube stehen jeweils symbolisch für drei unterschiedliche Entwicklungsphasen der Mädchen. Der Vogel als Symbol steht im Allgemeinen für einen seelisch-geistigen Inhalt der Lebenssphäre des Menschen. Demnach möchte auch ich die Lebensphasen der Mädchen nach diesen Kriterien gliedern. Nennenswert ist hierbei, dass es sich um eine steigende seelische Entwicklung handelt.

Die erste Entwicklungsphase stellt die Eule dar. Sie wirkt kennzeichnend sowohl für das Gute als auch für das Böse. Sie wird als beschützend oder als weiße charakterisiert. Doch gleichsam steht sie symbolisch für die menschliche Urangst und gilt als Unglücksbote, da es in der dämonischen Atmosphäre der Nacht aktiv ist. Sie schreit, fliegt aber geräuschlos. Besonders interessant für die Analyse ist die Interpretation der Eule als Mittlerin zwischen irdischen und überirdischen Welten. So wird sie als Symbol der Seelenwanderung angesehen. Innerhalb des „Sneewittchen“-Märchens deutet das auf den Übergang des Mädchens vom wachen zum schlafenden Zustand. Das Koma, in dem sich Sneewittchen befindet wird hierbei als Bestrafung angesehen, dessen Ursache in ihrem freiwilligen Davonlaufen vom Jäger erkannt werden kann. Dabei wird diese eigenständige Handlung und Entscheidung des Mädchens als Anzeichen ihrer sexuellen Heranreifung angesehen und moralisch noch nicht toleriert. Auch Aschenputtel weist dieses eigenständige Handeln auf, wenn sie ihrer Stiefmutter und dem Dienst am Herd nicht entgegenwirkt. Bemerkenswert ist die Tatsache, dass diese Entscheidungen der Mädchen zur Selbstbestrafung dienen. Demnach also eine Bestrafung für eine sündenhafte Tat zum Ausdruck bringen, die sie in ihrem Unterbewussten als gerechtfertigt ansehen. Es ist offensichtlich, dass die Mädchen wie die Eule sowohl das Gute als auch das Böse in sich vereinen. Weiterhin kann davon ausgegangen werden, dass die Stiefmütter jeweils als Projektion zur Selbstbestrafung dienen und tiefenpsychologisch die negative Seite ihrer Seele spiegeln. 


Eine weitere wichtige Interpretation des Eulen-Symbols besagt, dass Eulen Botschaften aus dem Unterbewusstsein oder von Verstorbenen überbringen. So kann man behaupten, dass die Selbstbestrafung der beiden Mädchen, die ihre leiblichen Mütter verloren haben, aufgrund des Grundvertrauens, den sie zu ihren Müttern pflegen und mit den vermittelten inneren Werten vollziehen. Dieser Umstand wird vor allem in dem „Aschenputtel“-Märchen augenscheinlich, wenn Aschenputtel den Haselzweig auf das Grab der Mutter anpflanzt.
Der als zweites aufgeführte Vogel, der Rabe, deutet in erster Linie auf Depression und Tod, was auf die gegenwärtige, retardierende Situation der Mädchen deutet. Sneewittchen wird für tot gehalten und in einem Sarg aufbewahrt und Aschenputtel, sich stets in schwarzer Asche befindend, darf trotz der erfüllten harten Arbeit  und dem Versprechen der Stiefmutter nicht zum Fest ins Schloss gehen. Während Sneewittchen sich jedoch im Koma befindet und demnach bis zu ihrer Erlösung als passive Heldin wirkt, ist Aschenputtel aktiv. Doch es ist bemerkenswert, dass gerade die Aktivität den retardierenden Moment im Märchen kennzeichnet. So stellen ihr unerlaubter Besuch des Fests und das wiederholende Davonlaufen vom Prinzen die Hin- und Hergerissenheit des Mädchens innerhalb von Schuld und Unschuld, sowie Dürfen und Wollen dar. Aschenputtel und Sneewittchen befinden sich nämlich innerhalb dieser seelischen Phase in einem Konflikt zwischen dem Guten und dem Bösen. Jedoch deutet der auf die Eule folgende Besuch des Raben auf die Auflösung dieses Zwiespaltes. Folgend kann eine weitere symbolische Deutung des Raben genannt werden. Er steht gleichfalls für die Wiedergeburt, Wiederbelebung, Erneuerung, Neuerschaffung oder Heilung der Seele. Demzufolge kann darauf hingedeutet werden, dass die Mädchen einer Veränderung in ihrem seelischen Zustand unterliegen. Sie reifen zu Jungfrauen mit autonomen Persönlichkeiten heran.
Mit dem Besuch der Taube wird der Übergang zu der letzten Entwicklungsphase der Mädchen aufmerksam gemacht. Sie deutet auf die Überwindung des seelischen Konflikts zwischen Schuld und Unschuld. So ist schließlich Aschenputtel diejenige, die sich dem Prinzen in ihren Lumpen zu erkennen gibt und mit dem selbstständigen Anziehen des Pantoffels diesen Umstand markiert. Ein weiteres sichtbares Merkmal hierzu ist die Zerstörung der magischen Gegenstände (Taubennest, Birnenbaum) durch den Vater. Aschenputtel ist auch ohne Magie in der Lage sich in der Welt der Realität zurechtzufinden. Aber auch die Annahme der Einladung des Prinzen mit ihm aufs Schloss zu gehen durch Sneewittchen deutet darauf, dass sie keine Furcht vor der intriganten Stiefmutter empfindet. Die Taube erscheint hier also als Parallele zur friedfertigen Seite der menschlichen Natur und deutet auf die Erreichung der geistigen Vervollkommnung der Heldinnen, die vor allem durch die Einheit mit dem Prinzen verdeutlicht wird. So spiegelt sich hierin ein weiteres Symbol der Taube. Sie verkörpert die partnerbezogenen Liebesgefühle der Mädchen, was schließlich auf ihr fünfzehntes Lebensjahr und ihre sexuelle Reife deutet. 

An dieser Stelle möchte ich auf ein letztes Merkmal des Tauben-Symbols aufmerksam machen. Die Taube kann als Geist Gottes angesehen werden, das die Versöhnung zwischen Gott und Mensch veranlasst. Und hierzu trägt natürlich das Finale der Märchen, nämlich die Hochzeit, eine wichtige Rolle. Sie führt vor Augen, dass die Seele Aschenputtels und Schneewittchens nun erlöst und vollkommen ist. Sie finden ihre geistige Erlösung.

Quelle:
Schumann, Willy: „Grimms Märchen. Grimm’s Fairy Tales“. Frankfurt am Main 1997.
http://www.eulenwelt.de/mythologie.htm (letzter Aufruf 24.02.2015)
http://www.symbolonline.de/index.php?title=Rabe (letzter Aufruf 24.02.2015)
http://www.symbolonline.de/index.php?title=Taube (letzter Aufruf 24.02.2015)


[1] Schumann, Willy: „Grimms Märchen. Grimm’s Fairy Tales“. Frankfurt am Main 1997, S. 18.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen