Dienstag, 10. März 2015

Interpretation zu „Rapunzel“




 Ich habe mich dazu entschieden in diesem Blog über das Märchen „Rapunzel“ zu schreiben. Und auch bei diesem Märchen orientiere ich mich wieder an der Version der Brüder Grimm. Das Ende dieser Version wirkt für viele Leser heute noch überraschend, da die Erlösung Rapunzels durch den Prinzen nicht unmittelbar erfolgt, im Gegenteil sogar scheitert. Es ist die Zauberin, die dabei das Mädchen und den jungen Prinzen verflucht. Den Fluchtversuch muss somit Rapunzel mit dem Abschneiden ihrer goldenen Haare und der Verbannung in eine Wüstenei bezahlen. Auch der Königssohn muss für die Verführung Rapunzels büßen. Er fällt aus dem Turm in eine Dornenhecke und verliert sein Sehvermögen.



Es ist annehmbar, dass hier die Zauberin die Rolle einer Schützerin annimmt. Sie scheidet das Kind von aller Welt ab, um sie womöglich vor dessen Grausamkeiten zu bewahren. Umso größer ist jedoch ihr Entsetzen, als sie vom Besuch des Prinzen und die Schwangerschaft des „gottlosen Kindes“ erfährt. Die Bestrafung dient dabei als erzieherische Maßnahme und deutet darauf, dass Rapunzel ihre Haare nicht dem Königssohn hätte hinabfallen lassen und ihm somit ein Willkommen anbieten sollen.
Rapunzels Normbruch deutet auf einen psychologischen Prozess, worin die Zauberin die Instanz des Über-Ichs vertritt. Die Bestrafung durch das Über-Ich für eine Tat, deutet darauf, dass Rapunzel trotz der Entscheidung für die Flucht von Ängsten geplagt ist. Und an dieser Stelle möchte ich Bezug auf Max Lüthi nehmen. Er meint, dass es sich bei dem „Rapunzel“-Märchen um die „Darstellung eines Entwicklungsvorganges handelt“, dessen Übergänge zu einem Neuen von Angst gekennzeichnet werden. Lüthi erwähnt weiterhin, dass jedem Fortschreiten zu einem „höheren Wert“ ein Loslassen, eine Ablösung inne liegt. Das fällt dem Menschen, der zumeist krampfhaft an dem Gewohnten, Bekannten festhält, schwer. Die Schwangerschaft, in der sich das Mädchen plötzlich befindet, deutet nun auf ihre fortschreitende Reifung und somit auf eine neue Entwicklungsphase, die sie antreten muss. Sie fordert demnach eine Ablösung von einer vorherigen Lebenssituation, die sich in der Planung zur Flucht äußert. Rapunzel wird von der Zauberin erlöst, was durch die Bestrafung dargestellt wird, gleichzeitig jedoch auf einen Zwang deutet. Demzufolge ist es nicht Rapunzels eigener Verdienst. Die Zauberin leitet sie in eine Lebensphase, in der sie „in großem Jammer und Elend“ in einer Wüstenei leben muss. Wie bereits erwähnt, deutet die Bestrafung auf das Neue, das nach Lüthi „uns zuerst sein schreckliches Gesicht“ zeigt, später aber vertraut wird, neue Fähigkeiten und Kräfte in uns entwickelt und uns das Leben sinnvoll macht. Nach mehreren Jahren im Elend finden nun Rapunzel mit ihren Zwillingen und der Königssohn wieder einander und seine Blindheit wird durch die Tränen der jungen Frau geheilt. Es ist auffällig, dass in diesem Märchen die Vereinigung der beiden Figuren nicht durch eine Hochzeit gefeiert wird. Das Ausbleiben der Hochzeit kann in Bezug zu dem Ausruf der Zauberin „gottloses Kind“ gesehen werden. Denn im Märchen wird berichtet, dass sich das Mädchen im Alter von zwölf Jahren befindet als sie den Prinzen kennenlernt und schwanger wird. Der Zauberin und demnach den Werten des Über-Ichs zufolge ist das Mädchen in diesem Alter noch nicht für die von ihr erhoffte Flucht und Lebensweise bereit. Erst das Widerfinden nach einigen Jahren kann als Zeichen ihrer eigentlichen Bereitschaft für das Neue, der Gründung einer Familie gedeutet werden.
Das „Rapunzel“-Märchen wirkt meiner Meinung nach belehrend und überträgt den Kindern den Gedanken, dass sie neue Lebensphasen in ihrem Leben nicht mit Furcht begegnen sollten, vor allem nicht, wenn sie merken, dass das Fortschreiten auf sie selbst zukommt,  nicht wenn sie sich selbst dazu übermütig entscheiden. 




Quelle:

Lüthi, Max: „Es war einmal. Vom Wesen des Volksmärchens". Göttingen 2008, S. 85-94.
Brüder Grimm: „Die schönsten Kinder- und Hausmärchen - Kapitel 134“: http://gutenberg.spiegel.de/buch/die-sch-6248/134 (letzter Aufruf: 02.03.2014)



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